Zwischen 2023 und 2025 nahm die Anzahl der Arbeitsunfälle an sieben Standorten mit 900 Mitarbeitenden um 29 Prozent ab. Die Maßnahmen, die diesen Erfolg möglich machten, entsprechen exakt dem TOP-Prinzip des Arbeitsschutzes. Das bestätigt auch Katharina Mayer, betont jedoch: „Das wichtigste Rädchen ist Kommunikation: Ich muss alle Personen im Betrieb mitnehmen, damit sie verstehen, welchen Sinn Maßnahmen und Regeln haben. Ich denke, durch meine offene Art und Nahbarkeit gelingt mir das ganz gut.“
Mayer hatte sich bereits den Respekt und das Vertrauen der Beschäftigten erworben, während sie bei der Dachser Gruppe München als Facility-Managerin angestellt war. Über ihre neue Funktion sagt sie: „Eigentlich wollte ich auf keinen Fall die Fachkraft für Arbeitssicherheit werden. Arbeitsschutz nervt – das war etwas verkürzt meine Wahrnehmung. Unser General Manager der Gruppe München, Markus Wenzl, hat mich dann überredet, es zu versuchen. Das erste Jahr der Ausbildung war eher furchtbar – lauter Probleme und keine Lösung. Diese Art des Arbeitens bin ich nicht gewohnt. Aber dann kam die Praxis dazu. Heute liebe ich meine Tätigkeit, schätze die Selbstständigkeit und möchte nicht mehr tauschen!“
Technische Lösungen
Die rund 420 optischen Scan-Einheiten an der Hallendecke wirken ausgesprochen unscheinbar. Dabei sind sie das Rückgrat von @ILO, einem hochmodernen „digitalem Zwilling“, der die Prozesse im Lager komplett verändert hat. @ILO steht für Advanced Indoor Localization and Operations. Entwickelt hat Dachser es mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund. Das neue System vereinfacht die Abläufe im Umschlaglager enorm. Die Technik erfasst in Echtzeit, wo sich welches der täglich 5.000 Packstücke und 30 Flurförderzeuge gerade befindet.
So funktioniert @ILO
„Die hochsensiblen optischen Systeme lesen den 2D-Matrix-Code auf einem Packstück, verknüpfen die Daten mit dem Standort und bilden damit einen sogenannten digitalen Zwilling“, beschreibt Ingo Zimmermann. „Das komplette Geschehen in der Halle wird transparent auf einen Monitor übertragen.“ Der Branch Manager (Niederlassungsleiter) war mit dem Terminal in Unterschleißheim als erstes Haus in die Entwicklung von @ILO eingebunden und ist sichtlich zufrieden mit dem erfolgreichen Pilotprojekt. Der nächste Schritt ist die Vermessung der Packstücke, damit @ILO künftig auch den Ladeplan für einen Lkw vorschlagen kann.
Im Lager Unterschleißheim herrscht rund um die Uhr Betrieb. In der Nachtschicht wird die Position der Palette ausschließlich über den 2D-Matrix-Code erfasst, der auf der Oberseite des Packstücks klebt. Dachser erreicht damit einen erheblichen Sicherheitsgewinn, weil niemand mehr zu Fuß mit dem Handscanner unterwegs ist. „Tagsüber sind wir davon noch ein Stück weit entfernt“, schränkt Justin Grunwald ein. Der Transit Terminal Operations Manager ist zuversichtlich: „Noch haben sich nicht alle Kunden an die neue Art der Markierung gewöhnt, aber das kommt.“ Und die Mitarbeitenden? „Besonders die jüngeren sind hochzufrieden“, sagt Grunwald. „Sie arbeiten gern mit diesem System, das alle Daten auf dem Tablet am Flurförderzeug anzeigt. Außerdem verbessert @ILO spürbar die Qualität der Prozesse und reduziert damit den Stress im Lager.“
Sichere Flurförderzeuge
Alle Gabelstapler sind mit einer Rückfahrkamera mit Personenerkennung ausgestattet. Befindet sich ein Mensch im Gefahrenbereich hinter dem Stapler, bremst er automatisch. Seitliche Sicherheitsbügel statt Sicherheitsgurt verhindern, dass jemand bei einem Unfall aus dem Stapler fällt. Denn erst nachdem die Bügel korrekt eingerastet sind, lässt sich das Flurförderzeug starten.
Organisatorische Verbesserungen
- Bei der Unfallanalyse wurde deutlich, dass die bestehenden vier Umschlagterminals der Gruppe München an die Kapazitätsgrenzen kommen. Durch den Neubau in Ingolstadt im September 2025 konnten die Mengen entzerrt werden.
- Deutlich markierte Wege und „Verkehrsregeln“ für Menschen und Fahrzeuge trugen dazu bei, die
Unfallzahlen zu senken. - Jeder Arbeitsunfall wird umgehend an Grunwald und Mayer gemeldet. Durch die vorhandene Videoanlage lassen sich Unfallhergänge nachvollziehen und aufarbeiten. So sind bei Bedarf schnelle Anpassungen für den Arbeitsschutz möglich. Als Schnittstelle zwischen Personalabteilung und BG Verkehr führt Mayer eine Statistik für jede Niederlassung, um beispielsweise typische Unfallursachen oder -zeiten auszuwerten.
Persönliches Engagement
Ohne die Kompetenz und das Engagement von Katharina Mayer wäre die Bilanz vermutlich nicht so positiv ausgefallen. „Ich kenne hier jede Ecke und die meisten Leute“, sagt sie. „Wenn wir nach Lösungen für den Arbeitsschutz suchen, ist klar, dass neue Maßnahmen die Personen nicht in ihrer Tätigkeit einschränken dürfen. Und weil die Kollegen das wissen, haben wir eine hohe Akzeptanz.“ Das betrifft dann auch eher unpopuläre Maßnahmen wie das Verbot von Alkohol und Kopfhörern oder die Verpflichtung zu Sauberkeit und Ordnung. Zum Nachlesen für alle hat sie das „Logistiker 1x1“ entworfen – eine Übersicht über Sicherheitsthemen, deren Einhaltung die Fachkraft wenn nötig auch mit Nachdruck durchsetzt. Andererseits vermeidet sie, die Belegschaft durch ein Übermaß an Regeln und Vorschriften zu überfordern. „Wenn etwas nicht wirklich notwendig ist, dann lassen wir es“, lächelt sie.
- Ein Schwerpunkt der Prävention sind die Unterweisungen. Mayer hat daraus „Safety Days“ gemacht, die für maximal 15 Personen stattfinden. Das ermöglicht Nähe, sodass sie immer wieder Details aus der Praxis erfährt (und trotz Unterweisung läuft der Betrieb reibungslos weiter). Mayer erläutert oft Unfälle oder beschreibt Arbeitsvorgänge, wie zum Beispiel den richtigen Umgang mit den Ladebalken in den Wechselbrücken. Sie bringt jedes Jahr neue Präsentationen, um die Unterweisungen spannend und lebendig zu halten.
- Bei den ASA-Sitzungen diskutieren rund 40 Verantwortliche der Gruppe München, was geschehen ist und wo Verbesserungspotenzial besteht. Mit am Tisch sitzen außerdem die Sicherheitsbeauftragten. Der Austausch fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Netzwerk hilft bei der Lösung typischer Alltagsprobleme.
- Bei spezifischen Fragen steht der Niederlassung ein zentrales Arbeitssicherheitsteam im Head Office des Logistikunternehmens beratend zur Verfügung. Hier wird zum Beispiel gerade der Rollout einer neuen HSE-Software (Health, Safety, Environment) vorbereitet.
- Fremdsprachige Mitarbeitende müssen bei Dachser Grundkenntnisse der deutschen Sprache haben. Wenn es noch hapert, hilft jemand aus den internationalen Teams mit mündlichen oder schriftlichen Übersetzungen aus.
- Wer neu in die Spedition kommt, wird sorgfältig eingearbeitet. Das betrifft auch die sogenannten Fremdfahrer, die Wechselbrücken anliefern und wieder abholen. Ihnen bietet die Firma eine Schulung durch einen Fahrtrainer an, der selbst viele Jahre als Unternehmer im Lkw unterwegs war und den Job wie seine Westentasche kennt. „Unser Trainer konzentriert sich auf die Kernaufgaben, weiß aber zum Beispiel auch, wie man reagiert, falls ein Kunde die Annahme der Sendung verweigert“, umreißt Zimmermann das Spektrum der Trainingsinhalte. „Nach der Schulung erhält der Fahrer ein Abschlussprotokoll mit Tipps.“
- Fürsorge ist nur glaubwürdig, wenn sie konkret ist. Bei Dachser stehen zum Beispiel allen Mitarbeitenden Obstkorb, Wasser, Kaffee, Mikrowellen, Kühlschränke und Sanitäranlagen zur Verfügung. Die Chefs werden während des Rundgangs durchs Lager mehrfach angesprochen. Sie kennen auch ohne Schild jeden mit Namen und zeigen echtes Interesse an der Belegschaft. „Manchmal fahre ich nach einem Unfall auch zu jemandem nach Hause und frage, wie wir unterstützen können“, sagt Zimmermann. Bei ihm klingt es so, als sei die persönliche Anteilnahme das Selbstverständlichste der Welt.
Die Zusammenarbeit zwischen BG Verkehr und Dachser besteht schon seit 1999. Thomas Künzer, inzwischen Leiter der Regionalabteilung Prävention in München, unterstreicht die hohe Professionalität des Arbeitsschutzes: „Das Unfallgeschehen wird bei Dachser immer wieder hinterfragt und in Schulungen und Unterweisungen aufbereitet. Das führt bei den Beschäftigten zu einer enorm starken Sensibilisierung und Identifikation mit dem Betrieb.“ Und Katharina Mayer hebt hervor: „Herrn Künzer kann ich immer ansprechen, wenn es darum geht, ein Risikopotenzial zu reduzieren. Das ist keine Kontrolle, sondern eine Kooperation, die wir alle hier sehr zu schätzen wissen.“ Unabhängig voneinander sprechen beide von naher und unkomplizierter Zusammenarbeit sowie dem großen Vertrauen, das zwischen Berufsgenossenschaft und Betrieb herrscht.
So lautet denn auch das Fazit von Katharina Mayer zum erfolgreichen Arbeitsschutz: „Vertrauen und Respekt sind die Basis für alles Weitere. Wir unterscheiden bei der Wertigkeit der Personen nicht zwischen Abteilungsleiter und Reinigungspersonal in der Halle. Alle tragen gleichermaßen mit ihrer Tätigkeit zum Ergebnis bei!“
Dorothee Pehlke
Redaktion SicherheitsProfi