Illustration bei der die Quetschstelle zwischen Hubarmzylinder und Grundrahmen des Absetzkippaufbaus anzeigt wird
© BG Verkehr | Andreas Denzer
Abbildung 1: Quetschstelle zwischen Hubarmzylinder und Grundrahmen des Absetzkippaufbaus

Sebastian O.* erinnert sich: „Es war Juni im vergangenen Jahr.“ Nach der Entladung wollte er die Hubarme seines Absetzkipperfahrzeugs in die Grundstellung fahren. Plötzlich hörte er ein lautes Geräusch unter dem Fahrzeug. Er ging der Sache nach, stützte sich am Aufbaurahmen ab und hielt dabei die Funkfernsteuerung in der linken Hand. „Ich hätte sie besser losgelassen“, sagt er heute.

Dann passierte, was bei Absetzkippern immer wieder zu schweren Unfällen führt: Sebastian war einen Moment unaufmerksam und betätigte gleichzeitig die Funkfernsteuerung. Kurz bevor die Hubarme ihre Grundstellung erreichten, fuhr auch der Hubarmzylinder in die Endlage. Dabei quetschte er Sebastians Hand an der Klemmstelle zum Aufbaurahmen ein (▷ siehe Abbildungen 1 und 2). Er konnte sich nicht selbst befreien, weil seine eingeklemmte Hand die Funkfernsteuerung weiter betätigte. Erst die Feuerwehr befreite ihn, indem sie die Hydraulikleitungen durchtrennte. Sebastian verlor fast vollständig seinen linken Mittelfinger und erlitt mehrere Frakturen an der Hand.

Solche und weitere Unfälle passieren in Mitgliedsbetrieben der BG Verkehr seit Jahren immer wieder. Sieben von zehn registrierten Unfällen bei der Bedienung von Absetzkippaufbauten enden mit schweren oder schwersten Verletzungen. Zudem haben sich in den vergangenen Jahren acht tödliche Unfälle ereignet.

* Name von der Redaktion geändert

Illustration einer Hand mit Fernbedienung – bei Unaufmerksamkeit droht die Hand eingequetscht zu werden
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Abbildung 2: Bei Unaufmerksamkeit wird hier die Hand in der Klemmstelle zum Aufbaurahmen gequetscht.

Fortschritt mit Nebenwirkungen

Funkfernsteuerungen bieten einen klaren Vorteil: Das Fahrpersonal kann den Standort frei wählen und behält den Be- und Entladevorgang aus sicherer Entfernung vollständig im Blick. Im Vergleich zur Bedienung über Steuerhebel am Fahrzeug verbessert das die Übersicht deutlich.

Gleichzeitig erhöht die ortsungebundene Bedienung das Unfallrisiko. Denn viele Fahrerinnen und Fahrer halten sich während der Bedienung im Gefahrenbereich auf. Entgegen der ursprünglichen Absicht, mit der Funkfernsteuerung am Absetzkipperfahrzeug die Arbeit sicherer zu machen, hat sie heute einen erheblichen Einfluss auf das Unfallrisiko. Eine umfassende Analyse von Unfällen aus den vergangenen zehn Jahren belegt den Zusammenhang zwischen Unfällen und der Bedienung per Funkfernsteuerung eindeutig. Die nachfolgend dargestellten Erhebungen sprechen dabei für sich.

Unfallgeschehen im Detail

70 Prozent der untersuchten Unfälle, auch der von Sebastian, wären vermeidbar gewesen. Voraussetzung: Die Anwenderinnen und Anwender hätten sich nicht im Gefahrenbereich aufgehalten. Auch bei den tödlichen Arbeitsunfällen zeigt sich ein ähnliches Bild: In 75 Prozent der Fälle standen die Betroffenen in unmittelbarer Nähe zum Absetzkippaufbau und bedienten ihn per Funkfernsteuerung.

Besonders unfallrelevant ist die Quetschstelle zwischen Hubarmzylinder und Aufbaurahmen (▷ siehe Abbildung 1). Gefährlich ist auch der Aufenthalt zwischen schwingendem Behälter und feststehenden, benachbarten Gegenständen, etwa zwischen zwei abgestellten Containern (▷ siehe Abbildung 3). Hier kann es sehr schnell zu kritischen Situationen mit erheblichem Verletzungspotenzial kommen.

Illustration eines Gefahrenbereichs in direkter Nähe zu den Hubarmen eines Absetzkippers
© BG Verkehr | Andreas Denzer
Abbildung 3 a: Gefahrenbereich in direkter Nähe zu den Hubarmen

Viele schwere Unfälle haben eine weitere Ursache: die Einhandbedienung. Sie verleitet dazu, nebenbei andere Tätigkeiten auszuführen. Das senkt die Aufmerksamkeit gegenüber der Bewegung des Absetzkippaufbaus und erhöht dadurch das Verletzungsrisiko zusätzlich. Es sind vor allem die nachfolgend definierten Bereiche, in denen sich die beschriebenen Unfälle immer wieder ereignen.

Bereich zwischen Hubarmzylinder und Aufbaurahmen

Der Bereich wirkt harmlos. Die Hubarme des Fahrzeugaufbaus führen an dieser Stelle jedoch eine gefährliche, scherenartige Bewegung aus. Zwischen Zylindermantel und Aufbaurahmen bleiben oft nur wenige Zentimeter Platz. Zudem bewegt sich der Hubzylinder teilweise sehr schnell.

Immer wieder greifen Bedienerinnen und Bediener spontan in diesen Bereich ein, etwa um Ladereste zu entfernen. Auch eine kurze Unachtsamkeit wie im Fall von Sebastian reicht aus, um beim Aufenthalt im Gefahrenbereich schwere Quetschverletzungen davonzutragen

Illustration eines Gefahrenbereichs in direkter Nähe zu den Hubarmen eines Absetzkippers mit schematischer Zeichnung der Bewegungsrichtungen des Absetzkippers
Abbildung 3 b: Gefahrenbereich in direkter Nähe zu den Hubarmen

Bereich neben den Hubarmen beim Absetzen und Aufnehmen von Behältern

Fahrerinnen und Fahrer halten sich häufig im Betrieb zu nah an den sich bewegenden Teilen des Fahrzeugaufbaus auf. Ein Hubarm kann sie dabei schnell gegen feststehende Gegenstände quetschen. Auch seitlich ausschwingende Behälter stellen ein erhebliches Risiko dar (▷ siehe Abbildung 3 a und b). Die Behälterbewegung resultiert dabei oftmals aus einer außermittigen Aufnahme des Behälters (A) oder einer schrägen Aufstandsfläche (B). Weiterhin kann sich der Behälter ruckartig ausdrehen, wenn er nicht in Flucht zu dem Fahrzeug steht (C). Werden die Hebeketten nicht korrekt an den Aufhängezapfen eingehängt, ist dies ein zusätzlicher Faktor, der zu einem Verdrehen des Behälters führen kann.  

Bereich heckseitig hinter dem Absetzbehälter

Beim Aufnehmen schwingt der Absetzbehälter aus, wenn die Kettenaufhängevorrichtungen an den Hubarmen nicht mittig über den Aufhängezapfen positioniert sind. Wer sich hinter dem Behälter aufhält, riskiert, eingeklemmt zu werden (▷ siehe Abbildung 4). Ungleichmäßige Beladung verstärkt diese unkontrollierten Behälterbewegungen zusätzlich. Stehen Bedienerinnen und Bediener darüber hinaus auch beim Auskippen des Ladeguts mit der Funkfernsteuerung im Gefahrenbereich, können sie auch hier getroffen und schwer verletzt werden.

Illustration die den Gefahrenbereich im Heck eines Absetzkipperfahrzeugs anzeigt
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Abbildung 4: Gefahrenbereich im Heck des Absetzkipperfahrzeugs (beispielsweise durch ausschwingenden Behälter)

Sicheres Arbeiten mit der Funkfernsteuerung erfordert das konsequente Einhalten der Grundregeln (▷ siehe Kasten). Unternehmen müssen das Bedienpersonal entsprechend unterweisen und für die latente Gefahr hin sensibilisieren. Derzeit bietet niemand technische Lösungen auf dem Markt an, welche die Steuerung des Aufbaus aus besonders gefährlichen Bereichen zuverlässig unterbinden. Umso wichtiger ist deshalb das sicherheitsgerechte Verhalten.

Christian Küffner
Fachreferent für Fahrzeuge mit austauschbaren Ladungsträgern bei der BG Verkehr