Illustration eines Pkw mit aktiven Fahrerassistenzstyemen – sie warnen vor einer Kollision mit einem Fußgänger
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Der Straßenverkehr wird dichter, komplexer und unübersichtlicher. Fahrerassistenzsysteme setzen genau hier an. Sie überwachen das Fahrzeugumfeld, warnen vor Gefahren und greifen bei Bedarf aktiv ein. Ziel ist es, kritische Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen oder sie abzumildern. Die Wirksamkeit ist belegt: Eine Studie der BG Verkehr zeigte, dass sich die Unfallhäufigkeit bei Fahrzeugen mit Fahrerassistenzsystemen um rund ein Drittel reduzieren lässt. 

Im Personen- und Güterverkehr entfalten sie ihr Potenzial etwa bei möglichen Abbiegeunfällen oder Auffahrkollisionen. „In Situationen, in denen ich selbst fahre, unterstützen mich Systeme wie die adaptive Geschwindigkeitsregelanlage mit Verkehrszeichenerkennung deutlich“, sagt Kurt Bartels, zweiter Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. „Trotzdem muss ich die Systeme jederzeit überwachen. Am Ende habe immer ich die Verantwortung.“ Fahrerassistenzsysteme sind Hilfsmittel, keine Ersatzfahrer. „Sie können Fehler ausgleichen, aber sie ersetzen weder Aufmerksamkeit noch Erfahrung“, erklärt Bernd Adelmann, Fachreferent Fahrschule der BG Verkehr.

Unterstützung mit klaren Grenzen

So leistungsfähig moderne Systeme sind, sie arbeiten innerhalb ihrer technischen und physikalischen Möglichkeiten. Gerade dort, wo Assistenzsysteme besonders gebraucht würden, stoßen sie teilweise an ihre Grenzen: „Sensoren wie Kamera, Radar oder Lidar haben bei Nebel, starkem Regen, Schnee oder Verschmutzung Probleme“, erklärt Denis Preissner, DEKRA-Unfallforscher. „Darüber müssen Fahrende informiert sein, um Fehlannahmen und falsche Sicherheit zu vermeiden.“

Vor diesem Hintergrund empfiehlt die BG Verkehr, Assistenzsysteme grundsätzlich eingeschaltet zu lassen und nur im Ausnahmefall kurzzeitig zu deaktivieren. Besonders wichtig ist es, sie anschließend wieder zu aktivieren, da nur ein angeschaltetes System im Ernstfall Schutz bietet. Ein anschauliches Beispiel für den Nutzen moderner Fahrerassistenzsysteme ist der Notbremsassistent. „Bei einer Fahrschulfahrt lief plötzlich eine Person über die Straße“, erinnert sich Bartels. „Das System hat die Gefahr sofort erkannt und automatisch gebremst.“ 

Ausbildung erweitert

Neben technischen Grenzen spielt der Umgang mit den Systemen eine entscheidende Rolle. „Zu viele Fahrerinnen und Fahrer verlassen sich ,blind‘ auf Assistenzsysteme“, warnt Preissner. „Typisch ist die Lichtautomatik: Bei Nebel fahren viele nur mit Tagfahrlicht, obwohl manuell eingegriffen werden müsste.“

Auch der Notbremsassistent kann falsch eingeschätzt werden. „Im Nutzfahrzeugbereich erleben wir Fälle, in denen das System wirkt, indem es zunächst warnt und dann die Notbremsung einleitet. Der Fahrer reagiert im Affekt beispielsweise mit einer Ausweichbewegung. So wird der Notbremsassistent übersteuert und die Bremsung abgebrochen – mit teils gravierenden Folgen“, so Preissner. Hier hilft nur Erfahrung im Umgang mit den Fahrerassistenzsystemen, etwa in der Fahrschule oder bei einem Fahrtraining. 

Aufnahme aus einem Pkw mit Blick auf das Cockpit und die Straße. Das Fahrerassistenztsystem warnt "Fahrtrichtung überprüfen"
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Für Fahrschulen bedeutet die zunehmende Verbreitung von Fahrerassistenzsystemen auch eine Erweiterung des Ausbildungsauftrags. „Neben der klassischen Fahrzeugbeherrschung kommt ein zusätzlicher Ausbildungsfaktor hinzu: der sichere, bestimmungsgemäße Umgang mit Assistenzsystemen“, sagt Bartels. Ziel bleibt es, dass Fahrende ein Fahrzeug auch ohne Assistenzsysteme sicher führen können. Gleichzeitig müssen sie lernen, vorhandene Systeme korrekt zu nutzen und deren Grenzen zu erkennen. Ein Aspekt, der auch in der Fahrerlaubnisprüfung berücksichtigt wird. 

Assistenzsysteme in der Fahrprüfung

Seit Juni 2022 sind Fahrerassistenzsysteme in der praktischen Fahrerlaubnisprüfung grundsätzlich zugelassen. Der Sachverständige entscheidet im Einzelfall über ihren Einsatz. „Geprüft wird, ob Bewerberinnen und Bewerber Assistenzsysteme richtig bedienen und angemessen reagieren, wenn eine Anpassung erforderlich ist“, erklärt Thomas Riedel, Leiter Fahrerlaubniswesen bei DEKRA. 

In diesem Jahr kommen weitere Systeme hinzu, etwa erweiterte Notbremsfunktionen zum Schutz von Fußgängerinnen, Fußgängern sowie Radfahrenden und Warnsysteme bei nachlassender Aufmerksamkeit. Diese Entwicklung macht deutlich: Assistenzsysteme sind kein Zukunftsthema mehr, sondern werden mehr und mehr zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Führens von Fahrzeugen und damit auch der Fahrausbildung.

Dr. Marc Sgonina
Redaktion SicherheitsProfi