Mitarbeitende auf dem Hafengelände bei einer Besprechung
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Konstruktiv, kritisch, kollegial – die Fachkraft für Arbeitssicherheit

Wenn Sie nur eine Eigenschaft nennen dürften: Welche ist für den Job unverzichtbar?

Klaus*: Kommunikativ sein: Wer ein Gefühl dafür bekommen will, was los ist, erfährt vieles im Dialog. Man sollte nie als „Besserwisser“ auftreten. 

Nina*: Man braucht Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit, Maßnahmen auf ihre Machbarkeit zu überprüfen. 

Jan*: Ich sage immer, eine gute Sifa hat so ein dickes Fell, dass sie auch ohne Knochen stehen kann.

* Die Namen sind frei erfunden, um Rückschlüsse auf tatsächliche Ereignisse in Mitgliedsunternehmen der BG Verkehr zu verhindern.

In welchen Situationen ist Ihre Einschätzung besonders gefragt?

Nina: Vor allem bei den Basics des Arbeitsschutzes, also Gefährdungsbeurteilung, Änderung von Arbeitsprozessen, Beschaffung von neuen Arbeitsmitteln, Regelkonformität.

Klaus: Oft geht es auch um die Einführung neuer Produkte, etwa Chemikalien oder Sicherheitsequipment.

Haben Sie schon einmal zugunsten der Arbeitssicherheit während einer laufenden Tätigkeit eingegriffen und jemanden zur Rede gestellt?

Jan: Immer wieder kritisiere ich, dass die erforderliche PSA nicht getragen wird oder die notwendige Schutzbekleidung nicht vorhanden ist. Auch bei Leitern gibt es oft Handlungsbedarf ...

Klaus: … oder der Bohrfutterschutz an der Bohrmaschine fehlt …

Nina: … bei Beleuchtung und Sonnenschutz im Büro zum Beispiel – bis hin zu Einlagen bei Sicherheitsschuhen.

Und wurde auf Ihre Veranlassung hin etwas geändert?

Klaus: Selbstverständlich – ich spreche das Fehlverhalten vor Ort sofort an und gebe außerdem an die richtige Stelle weiter, was ich gesehen und erlebt habe. Bei Bedarf folgt daraus kurzfristig eine anlassbezogene Unterweisung.

Nina: Eine gewisse Routine ist die Anpassung der PSA. Aber ich war auch schon in die Untersuchung eines sehr schweren Arbeitsunfalls eingebunden, die zu baulichen Veränderungen führte. So etwas geschieht natürlich im Dialog mit der Schiffsführung.

Wie ist der Austausch mit den Beschäftigten und zwischen Sifa und Sibe?

Jan: Gut – und nur so funktioniert es meiner Ansicht nach. Sind die Mitarbeitenden in Veränderungsprozesse eingebunden und bei der Lösungssuche dabei, ist die Akzeptanz für das Thema Arbeitsschutz da.

Nina: Bei einigen Akteuren ist das Rollenverständnis noch nicht so gefestigt. (lächelt) Wichtig ist die persönliche Begegnung, denn bei Begehungen und bei Fragen kommt man sich näher. Auch die Beratungen und Impulse kommen gut an.

Klaus: Bei den regelmäßigen Audits an Bord führe ich intensive Gespräche mit der Schiffsbesatzung und auch mit Sicherheitsbeauftragten.

Welche Hindernisse erleben Sie im Alltag?

Jan: Der Klassiker ist: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Diese Personen umzustimmen und zu Neuem zu bewegen, ist eine der größten Herausforderungen.

Klaus: Es dauert definitiv, bis sich neue Schutzmaßnahmen an Bord etablieren. Wenn wir zum Beispiel einführen, dass bei der Lotsenübernahme an der Pforte eine Arbeits-sicherheitsweste getragen werden soll, klappt das nicht ohne Kontrolle.

Nina: Eine weitere Herausforderung ist die „Ferne“: Das Seeschiff ist weltweit unterwegs, deswegen dauern manche Prozesse länger als im Landbetrieb. Anspruchsvoll sind außerdem die unterschiedlichen Schiffsklassen und Anforderungen der Flaggenstaaten.

Wie äußern Sie konstruktive Kritik, ohne Ihr Gegenüber zu verärgern?

Nina: Möglichst entspannt und freundlich: Ich biete Lösungen als Vorschlag an, indem ich sage, dass wir etwas ausprobieren können.

Jan: Genau, ich sage oft: Ich hab da eine Idee, lass uns doch mal schauen, ob das vielleicht schon eine Lösung ist.

Gibt es Probleme, wenn sich eine Kritik an Führungskräfte richtet?

Jan: Ja und nein. Es kommt darauf an, wen man vor sich hat. Einige fühlen sich in ihrer Autorität verletzt. Andere hören sich meine Vorschläge gern an. Am Ende findet man aber immer eine Lösung.

Nina: Als Sifa muss ich gut argumentieren, aber die letzte Entscheidung haben natürlich die Verantwortlichen im Betrieb.

Klaus: Wenn nötig erinnere ich daran, dass Führungskräfte eine Vorbildfunktion haben!

Gibt es Situationen, in denen Sie wütend oder frustriert sind?

Klaus: Ich musste anfangs erst in die Aufgabe hineinwachsen, mich gut organisieren und einen Weg finden, meine Vorhaben umzusetzen. Mit der Zeit gewinnt man einen Überblick, kennt die Prozesse und weiß, wen man ansprechen muss. Es ist manchmal belastend, gegen unnötige Widerstände zu kämpfen.

Jan: Wenn ich trotz ständiger Hinweise immer wieder den gleichen Mangel finde. Ein typisches Beispiel dafür ist die Lagerung von Chemikalien oder Ölen in Trinkflaschen!

Nina: Die Aufgabe als Sifa ist sehr interessant, aber man muss dafür geschaffen sein. Man kann nicht immer allen gerecht werden und man muss Rückschläge in Kauf nehmen. Auch die Tatsache, dass man nicht sofort das Ergebnis seiner Arbeit sehen kann, muss man akzeptieren. Langfristig sieht man den Erfolg, wenn man merkt, dass Unfälle ausbleiben und sichere Arbeitsverfahren sich etablieren. Wenn man am Ball bleibt, wird es auch gut.

Glauben Sie, dass Sifas und Sicherheitsbeauftragte wichtig sind, um Arbeitsunfälle zu verhindern?

Nina: Selbstverständlich. Auf den gesunden Menschenverstand kann man sich nicht immer verlassen – oder anders gesagt: Manchmal sehen die Leute den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil sie so stark in ihre Tätigkeit eingebunden sind und Gefährdungen übersehen. Es besteht sehr viel Beratungsbedarf.

Klaus: Es gibt gesetzliche Vorgaben, die darauf abzielen, Unfälle zu verhüten. Trotzdem wissen die Verantwortlichen nicht immer genau, welche Verpflichtungen sie haben. Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Sicherheitsbeauftragte sind vor Ort und sehen, was wirklich los ist. Man kann als Sifa allerdings nicht überall sein. Daher sind die Sicherheitsbeauftragten, die oft mit an Bord arbeiten, wichtige Helfer vor Ort.

Jan: Arbeitsschutz muss gelebt werden, das funktioniert nur mit Fachleuten! Die Sicherheitsbeauftragten sind sehr wichtig als ständige Beobachter vor Ort und verlängertes Sprachrohr der Sifas.

Die Gespräche führten unsere Aufsichtspersonen Alexander Engel und Hannes Riemenschneider. Das Fazit der beiden zur Zusammenarbeit: