Möwen kreischen und sausen über die Promenade. Es ist 9 Uhr morgens. Die Sonne spiegelt sich glitzernd im Wasser am Anleger 13. Geduldig wartet hier die festgemachte RheinPerle auf ihren Einsatz. „Wir treffen uns immer eine Stunde vor der ersten Fahrt und machen das Schiff klar“, erklärt Christian Hentschel. Er ist Schiffsführer bei der KölnTourist Personenschifffahrt am Dom. Außerdem betreut er die Auszubildenden des 65-köpfigen Unternehmens. Aktuell absolvieren sieben junge Menschen an den Standorten Bonn und Köln ihre Ausbildung in der Binnenschifffahrt. Hinzu kommen sechs Auszubildende in der Gastronomie. Drei von ihnen ziehen gerade ihre dunkelblauen Poloshirts und Pullover mit Firmenlogo über: die beiden Binnenschiffer Bojram Allkja und Zakaria Ouici sowie Michael Ardana Pardomuan aus der Gastronomie.
Während Allkja und Ouici ihre Rettungswesten prüfen, reinigt Pardomuan die Tische und Fenster des kleinen Schiffs. „250 Personen wären an Bord zugelassen. Regelmäßig drehen wir unsere Runde aber mit etwa 50 bis 100 Gästen“, sagt Hentschel. Mit Runde meint er die Skyline-Tour. In der kleinen Küche läuft die Kaffeemaschine an und Allkja und Ouici gehen in den Maschinenraum, um die üblichen Kontrollen durchzuführen: Kühlwasser, Motoröl, Kraftstoffversorgung und Notfalleinrichtungen. Die RheinPerle fährt mit GTL (Gas-to-Liquid) als Ersatzkraftstoff statt klassischen Diesels. So muss die Antriebsmaschine nicht modifiziert werden und er verursacht deutlich weniger Schadstoffe. Alles ist in Ordnung. Es kann losgehen. Allkja legt die Rettungsweste an und geht zur Steuerbordseite des Schiffs. Ouici verschwindet mit Hentschel im Steuerhaus. Dann heißt es: „Leinen los!“ Die Fahrt stromaufwärts beginnt.
»Binnenschifffahrt bedeutet Entschleunigung. Nur mit Ruhe kommt man sicher ans Ziel.«
Christian Hentschel, Schiffsführer bei KölnTourist
Die Gäste kommen
Vorbei an mehreren Flusskreuzfahrtschiffen geht es zum Anleger 10. Dort warten bereits 30 Gäste. Auch die RheinCargo und die RheinLand liegen hier – zwei weitere Schiffe der KölnTourist. Allkja informiert Hentschel über die Wechselsprechanlage über den Abstand zum Nachbarschiff. Anschließend macht die Besatzung an der RheinCargo fest. „Oft müssen unsere Gäste über ein anderes Schiff steigen, um zu uns zu gelangen“, erklärt Hentschel. Er ist inzwischen zum Hauptdeck gekommen und steht am Eingang der RheinPerle. Seine Auszubildenden sind auf den anderen beiden Schiffen. Dort empfängt die Crew die Fahrgäste und geleitet sie über die Höhenunterschiede sicher auf die RheinPerle.
Die Neuankömmlinge bilden einen bunten Haufen aus Touristinnen und Touristen jedes Alters. Sofort nehmen sie auf dem Sonnendeck Platz und ordern Getränke. Pardomuan ist in seinem Element. Er nimmt Bestellungen auf und bereitet sie gemeinsam mit einer Kollegin in der kleinen Küche vor. Der Bestseller: natürlich Kölsch. Inzwischen hat das Schiff abgelegt und nimmt Kurs Richtung Rheinauhafen. Im Steuerhaus herrscht Gelassenheit. „Binnenschifffahrt bedeutet Entschleunigung. Nur mit Ruhe kommt man sicher ans Ziel.“ Hentschel schmunzelt. Über Lautsprecher erfahren die Fahrgäste auf Deutsch und Englisch Wissenswertes über die Umgebung und ihre Geschichte. Eine Frauenstimme spricht Deutsch, eine Männerstimme Englisch. Die Aufnahmen kommen vom Band.
»In diesem Beruf darf man keine Angst vor Menschen haben.«
Christian Hentschel, Schiffsführer bei KölnTourist
Gedämmter Maschinenraum
„Vor drei Jahren haben wir die RheinPerle komplett saniert: Innenräume, Decks und Küche. Darüber hinaus haben wir den Maschinenraum schallgedämmt. Dadurch stört der Lärm weder Gäste noch Mitarbeitende. Im Steuerhaus erkennt man allerdings noch, dass das Schiff 60 Jahre alt ist.“ Hier wird noch mit Haspel gesteuert. Nur der Bildschirm mit Satellitennavigation, gekoppelt mit elektronischen Karten und dem automatischen Identifikationssystem, wirkt zwischen Eisen, poliertem Messing und abgegriffenem Holz ungewohnt modern. Die RheinPerle ist das älteste der insgesamt fünf Schiffe der Flotte. Die Fahrzeuge sind alle unterschiedlich ausgerüstet und fahren sich dementsprechend anders, erklärt Hentschel. Während er spricht, bleibt sein Blick auf den Rhein gerichtet. Am Morgen hält sich der Verkehr in Grenzen. Vor allem Frachter sind unterwegs. Von den Fahrgästen hört man kaum etwas.
Diese Ruhe erlebt die Besatzung nicht auf jeder Fahrt. Der 19-jährige Allkja hat selbst erfahren, wie dramatisch die Fahrgastschifffahrt werden kann: „Bei einer Partyfahrt ist ein Passagier ins Wasser gefallen.“ Er wusste sofort, was zu tun war: Rettungsring holen, den Schiffsführer informieren und die 112 anrufen. Währenddessen wendete das Schiff. „Zum Glück ist der Mann selbstständig ans Ufer geschwommen.“ Der Rhein ist ein gefährliches Gewässer. Nicht ohne Grund trägt die Besatzung ihre Rettungswesten in ungeschützten Bereichen, in denen die Absturzgefahr ins Wasser besteht.
„Unfälle haben wir unter dem Strich eher selten. Wenn doch, dann durch Stolpern, Ausrutschen oder Stürzen. Insgesamt ist das ein ruhiger Job“, sagt Hentschel. Genau diese Ruhe hat Allkja in den vergangenen zwei Lehrjahren schätzen gelernt. „Ich wollte zuerst in die Seeschifffahrt und viele fremde Orte sehen. Mein Cousin ist Kapitän und hat mir Lust auf den Beruf gemacht. Aber ich glaube, dass dieser Alltag nicht zu mir passt. Die Binnenschifffahrt gefällt mir deutlich besser. Vor allem der Kontakt mit den Fahrgästen.“ Fragt man ihn nach seiner Lieblingsaufgabe, kommt die Antwort sofort: „Ich feiere es, wenn ich etwas ausbessern kann: Schleifen, Lackieren, Flexen – das ist total mein Ding!“
»Unser Geheimrezept gegen den Fachkräftemangel sind die sozialen Netzwerke.«
Tobias Nahrendorf, Social-Media-Manager bei KölnTourist
Azubi-Magnet: Social Media
Ouici kam über eine Jobmesse zur KölnTourist. Vorher kannte der 19-Jährige den Beruf gar nicht. „Wenn ich meinen Freunden davon erzähle, stellen sie mir viele Fragen. Ich bin dann sehr stolz, von meiner Arbeit zu berichten.“ Nach einem kurzen Praktikum war er Feuer und Flamme und befindet sich nun im ersten Lehrjahr. Sein Traum: Schiffsführer werden. „Wir versuchen schon beim Girls’ und Boys’Day, junge Menschen für die Binnenschifffahrt zu begeistern. Zusätzlich sind wir auf Messen vertreten. Unser Geheimrezept gegen den Fachkräftemangel sind die sozialen Netzwerke“, erklärt Tobias Nahrendorf. Er betreut bei KölnTourist die Website sowie die Social-Media-Kanäle auf Facebook und Instagram. Auch heute läuft er mit einer kleinen Actioncam über das Schiff und sammelt Videofetzen für einen Beitrag im Netz. „Trotz Fachkräftemangel können wir über Nachwuchs nicht klagen“, sagt Hentschel.
Nach der Ausbildung bleiben allerdings nur wenige. „Die jungen Leute wollen dann etwas erleben. Einige wechseln zu anderen Binnenschifffahrtsbetrieben und verlassen die Fahrgastschifffahrt. Spätestens wenn sie eine Familie gründen und geregelte Arbeitszeiten suchen, klopfen viele wieder bei uns an.“ So war es auch bei ihm. Seit rund zwölf Jahren arbeitet er für die KölnTourist. „Früher war ich auf Güterschiffen unterwegs. Wie auf dem da drüben.“ Er zeigt auf einen Frachter, der rheinabwärts am Fahrgastschiff vorbeifährt.
Dann muss das Gespräch warten. Die Besatzung macht am Rheinauhafen fest. Touristinnen und Touristen mit Ziel Schokoladenmuseum steigen aus. Neue Gäste kommen an Bord. Die Auszubildenden begrüßen jede und jeden kurz am Einstieg. Neue Getränkebestellungen treffen ein. Kurz darauf legt das Schiff wieder ab. „Es ist nicht immer so ruhig“, bemerkt Hentschel.
„In diesem Beruf darf man keine Angst vor Menschen haben.“ Hin und wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit Fahrgästen. „Auf Partyfahrten haben wir immer Security dabei.“ Alkohol führt regelmäßig zu Grenzüberschreitungen. „Deshalb unterweisen wir unsere Beschäftigten auch zum Thema Crowdmanagement. Dabei geht es unter anderem um die Frage: Wie gehe ich mit Randalierenden um?“
Schulungen und Unterweisungen bilden in der Ausbildung eine wichtige Grundlage. „Neben unseren Binnenschifferinnen und Binnenschiffern unterweisen wir auch die Mitarbeitenden der Gastronomie: Zur Übung ihrer Aufgaben im Rahmen der Sicherheitsrolle an Bord gehören neben der Handhabung der Rettungsweste auch die Bedienung der Feuerlöscheinrichtungen und der Einsatz des Beiboots“, sagt Hentschel. Dabei setzt er auf Regelmäßigkeit. „Zum Saisonstart gibt es für alle eine zweitägige Sicherheitsschulung. Im Laufe des Jahres folgen dann quartalsweise Unterweisungen zu allen sicherheitsrelevanten Themen. Am besten funktioniert das natürlich direkt vor Ort am Objekt selbst.“ Nach der Fahrt steht deshalb noch eine kleine Westenkunde für die beiden Auszubildenden auf dem Programm.
»Ich bin sehr stolz, wenn ich meinen Freunden von meiner Arbeit erzähle.«
Zakaria Ouici, Auszubildender bei KölnTourist
Rückfahrt gen Dom
Jetzt wendet Hentschel die RheinPerle. Das Schiff hat die Rodenkirchener Brücke erreicht. Nun geht es stromabwärts. Ein Peilschiff quert den Fluss. Schon nach kurzer Zeit bleibt es hinter der RheinPerle zurück. „Sicherheit muss man vorleben“, erklärt Hentschel. „Nur wenn sich der Schiffsführer korrekt verhält, tut es auch die Besatzung. Dann traut sich außerdem jeder, Probleme anzusprechen.“ Erneut passiert das Schiff den Kölner Dom. Auf dem Sonnendeck zücken die Gäste ihre Smartphones. Sie knipsen Fotos, einige haben Ferngläser dabei. Trotz des Winds genießen die Touristinnen und Touristen ihren Aufenthalt. Vielleicht liegt es an der Sonne. Vielleicht aber auch an Pardomuan, der gerade eine Runde Aperol Spritz serviert. Mit den einen spricht er Deutsch, bei anderen nimmt er Bestellungen auf Englisch entgegen. „Unsere Crew muss Englisch können. Das ist in der Touristik absoluter Standard“, sagt Hentschel.
Auf Höhe von Mülheim wendet die RheinPerle erneut und fährt zurück zum Anleger 10 unterhalb der Hohenzollernbrücke, unweit des Musical Dome. Routiniert legt die Besatzung an. Anschließend verabschiedet die Crew die Gäste und hilft beim Überstieg. Diesmal müssen die Gäste nur ein Schiff passieren, um zum Anleger zu gelangen. Die RheinCargo ist bereits unterwegs. Danach geht es zurück zum Anleger 13. Das gesamte Team hilft, um das Schiff aufzuräumen. Etwas Ruhe, bis die nächste Skyline-Tour startet. Allkja und Ouici haben sich belegte Brote mitgebracht. Hentschel nutzt die Zeit jedoch für einige Hinweise zur Rettungsweste.
Das meiste kennen die beiden bereits. Trotzdem sei es gut, Inhalte regelmäßig zu wiederholen und das Wissen aufzufrischen, meint Ouici. Danach ist endlich Pause. Am Nachmittag wird es noch einmal stressig. Dann werden die meisten Touristinnen und Touristen kommen und an Bord wird es voll. Zeit, sich zu stärken. Später geht es wieder los. Rheinaufwärts und rheinabwärts. Hentschel lächelt. „Von diesem Anblick bekomme ich nie genug. Das ist der schönste Arbeitsplatz der Welt.“
Dr. Marc Sgonina
Redaktion SicherheitsProfi
»Sicherheit muss vorgelebt werden.«
Christian Hentschel, Schiffsführer bei KölnTourist