Kranker Lkw-Fahrer fasst sich beim Fahren an die Stirn
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Mindestens 100.000 Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer fehlen in Deutschland. Da ist jede Unternehmensführung glücklich, wenn das Fahrpersonal gesund bleibt und für Aufträge zur Verfügung steht. Doch genau in diesem Punkt gibt es ein gewaltiges Problem: Beschäftigte in der Verkehrsbranche sind fast 30 Tage im Jahr krank – der Durchschnitt über alle Berufe liegt bei 21,9 Tagen. Zu diesem Ergebnis kommt die Barmer Ersatzkasse in ihrem aktuellen Gesundheitsreport.

Kein Wunder, dass das Symposium „Gesundheit im Blick“ mit 140 Teilnehmenden (in Präsenz und online) auf großes Interesse stieß. Gemeinsam nach Hamburg eingeladen hatten die IVSS Sektion für Prävention im Transportwesen und die BG Verkehr. IVSS steht für Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (International Social Security Association – ISSA). „Die Gesundheit von Fahrerinnen und Fahrern ist kein weiches und zusätzliches Thema. Nein, die Gesundheit des Fahrpersonals ist Voraussetzung für einen reibungsfreien und sicheren Güterkraftverkehr“, brachte es Wolfgang Laske, Mitglied der Geschäftsführung der BG Verkehr, auf den Punkt.

Nur 24 Prozent fahren beschwerdefrei

Typische Leiden beim Fahrpersonal sind Erschöpfung, Schlafstörungen, Erkrankungen des Muskel- und Skelettapparats sowie psychische Erkrankungen. Nur 24 Prozent des Fahrpersonals haben keine Beschwerden, zitierte der griechische Arbeitswissenschaftler Yorghos Apostolopoulos aus einer europaweiten Umfrage. 12,5 Prozent leiden sogar an drei oder mehr Krankheiten. Ein Alarmzeichen: 14,4 Prozent der befragten Fahrerinnen und Fahrer gaben an, den Beruf in den nächsten zwölf Monaten aufgeben zu wollen. Apostolopoulos warnt: Außer dem zwangsläufig altersbedingten Ausscheiden könnten weitere Fahrerinnen und Fahrer ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen, sodass sich der Fahrermangel noch verschärft.

Auch die Verkehrssicherheit und das Unfallgeschehen werden durch Fahrerinnen und Fahrer beeinträchtigt, die nicht fit hinter dem Steuer sitzen. Dr. Bernd Mützel, Leiter der Arbeitsmedizin der BG Verkehr, machte dies am Beispiel der Unfallursache Sekundenschlaf deutlich. 

© BG Verkehr
Teilnehmende des Symposiums "Gesundheit im Blick" mit 140 Teilnehmenden

Todesfalle Sekundenschlaf

Wegen der erheblichen Rechtsfolgen gibt kaum jemand zu, am Steuer eingenickt zu sein. Auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen geht der Deutsche Verkehrsgerichtstag davon aus, dass 24 Prozent der Lkw-Unfälle durch das Einschlafen am Steuer verursacht wurden. Einer aktuellen Umfrage der Transportgewerkschaft ETF zufolge gaben 30 Prozent der Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer zu, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal am Steuer eingeschlafen zu sein.

Dahinter steckt oft mehr als ein Schlafproblem oder ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus: Ursache kann das
obstruktive Schlafapnoesyndrom (OSAS) sein. „Das ist eine sehr ernst zu nehmende schlafbezogene Atemstörung, bei der es während des Schlafs wiederholt zur Verringerung oder dem Aussetzen der Atmung durch eine Verengung des Rachenraums kommt“, erklärt Mützel. Symptome seien ausgeprägte Tagesschläfrigkeit, Erschöpfung, eingeschränkte Leistungsfähigkeit am Tag sowie morgendliche Kopfschmerzen beim Aufwachen.

Arztbesuch unterwegs – ein Organisationsproblem

Ein Schwerpunkt des Symposiums war die medizinische Unterwegsversorgung erkrankter Fahrerinnen und Fahrer. Für Fahrende, die in Deutschland sozialversichert sind und im EU-Ausland eingesetzt werden, ist die sozialversicherungsrechtliche Lage durch die EU geregelt (Verordnung [EG] Nr. 883/2004). Sie haben Anspruch auf medizinische Sachleistungen im EU-Ausland.  

Stefanie Klein von der Deutschen Verbindungsstelle Unfallversicherung Ausland erinnerte daran, dass Personen bei Auslandsfahrten eine gültige Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) dabeihaben müssen. Diese befindet sich auf der Rückseite der nationalen Krankenversicherungskarte und wird von der deutschen Krankenversicherung ausgestellt. Außerdem muss das Fahrpersonal eine A1-Bescheinigung mitführen. Bei einmaliger Entsendung stellt diese ebenfalls die Krankenkasse aus. Ist die Fahrerin oder der Fahrer regelmäßig in mehreren anderen EU-Staaten unterwegs, übernimmt das die DVKA, eine Abteilung des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen.

Fehlt die A1-Bescheinigung, kann das im Fall einer Kontrolle teuer werden. Besonders in Belgien und Frankeich werde in dieser Hinsicht sehr genau kontrolliert, warnte Stefanie Klein. Erleidet eine Fahrerin oder ein Fahrer im EU-Ausland einen Arbeitsunfall, benötigt er oder sie eine Bescheinigung der BG Verkehr (DA1 und DA002).

Ernährung: Zu viel Schnitzel, zu wenig Salat

Zu den relevanten Unterwegsthemen gehört auch die Ernährung. Die Schwertransport-Unternehmerin und studierte Ökotrophologin Uta Alborn hat sich mit den Ernährungsgewohnheiten des Fahrpersonals beschäftigt und bringt es auf den Punkt: „Zu viel Fett, zu viele Kohlenhydrate, zu wenig Salat, Gemüse und somit Vitamine“, lautet ihr Fazit. Nicht immer ist das den Fahrenden bewusst: Bei Alborn bekommt jede neue Fahrerin und jeder neue Fahrer einen Gesundheitsleitfaden in die Hand, der neben Ernährungstipps auch Ratschläge zu Bewegung, Stressabbau und Suchtverhalten beinhaltet.

Uta Alborn rät dazu, gesunde Lebensmittel mitzunehmen, anstatt sich jeden Abend nach geleisteter Arbeit mit Currywurst oder einem panierten Schnitzel mit Pommes zu belohnen. Dass die Unterwegs-versorgung mit frischen Lebensmitteln schwierig ist, weiß die Unternehmerin. In Rasthöfen und Tankstellenshops ist das Angebot schmal und teuer; normale Supermärkte sind mit dem Lkw schwer erreichbar. Und selbst wenn es anders wäre: Viele Fahrerinnen und Fahrer schwören auf derbe Kost nach einem harten Tag und schieben gesundheitliche Aspekte beiseite. Expertentipp: Trotzdem dranbleiben. Verhaltensänderungen brauchen Zeit. 

Björn Helmke
Redaktion SicherheitsProfi

Lkw-Fahrer macht in seinem Fahrzeug eine Essenspause
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