Entspannter Lkw-Fahrer trifft auf wütenden Pkw-Fahrer
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Ein Lkw rollt auf einen Discounterparkplatz. Der Fahrer will Waren anliefern und versucht, sein Fahrzeug bei engen Platzverhältnissen gut zu positionieren. Ein Autofahrer wartet geduldig, andere hupen. Nicht selten kommt es vor, dass wütend durch das Seitenfenster gestikuliert wird. Für die Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer schon Alltag.

 „Auf der Straße herrscht inzwischen oft ein regelrechter Kleinkrieg“, sagt Lkw-Fahrerin Christina Scheib. In einer Befragung der Dekra zeigt sich, dass Autofahrerinnen und -fahrer das Fahrverhalten von anderen Verkehrsteilnehmenden als zunehmend aggressiv empfinden. Beispielsweise, weil sie dichter auffuhren, riskant überholten oder an Ampeln unnötig viel hupten. „Dazu erleben unsere Fahrerinnen und Fahrer auch Beschimpfungen und Bedrohungen“, berichtet Uta Alborn, Personalverantwortliche bei August Alborn, einem Logistikdienstleister für Schwer- und Spezialtransporte, Autokran und Montagen.

Aggressionen richten sich oft nicht auf die Person selbst. Vielmehr entsteht der Konflikt aus der Situation heraus. In der Verkehrspsychologie spricht man von sogenannten Begegnungssituationen. Sie entstehen immer dann, wenn sich die Wege verschiedener Verkehrsteilnehmender kreuzen oder wenn unterschiedliche Geschwindigkeiten und Interessen aufeinandertreffen, erklärt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat in seiner Schriftenreihe "Verkehrssicherheit", Ausgabe "Achtsamkeit und Aggression".

Entscheidend ist dabei, ob andere Verkehrsteilnehmende als gleichwertig wahrgenommen werden oder lediglich als Hindernisse auf dem Weg zum eigenen Ziel. Der Lkw, das Abfallsammelfahrzeug oder das Taxi steht dem eigentlichen Wunsch, schnell voranzukommen, im Weg. 

Vom Verkehrsteilnehmenden zum Hindernis

Aber warum reagieren Menschen überhaupt aggressiv? Verkehrspsychologen erklären dies mit der Frustrations-Aggressions-Hypothese: Wer sich auf dem Weg zu seinem Ziel behindert fühlt, reagiert leichter mit Ärger. Im Straßenverkehr kommt hinzu, dass die Ursachen einer Situation oft verborgen bleiben. Andere Verkehrsteilnehmende sehen nur das haltende Fahrzeug – nicht aber die Arbeitsaufgabe oder die fehlenden Alternativen. Je weniger wir über die Situation des anderen wissen, desto eher unterstellen wir ihm böse Absichten. Was als notwendiger Arbeitsvorgang beginnt, wird deshalb schnell als persönliche Rücksichtslosigkeit missverstanden.

Die Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie spricht in diesem Zusammenhang vom „fundamentalen Attributionsfehler“. Menschen neigen dazu, das Verhalten anderer auf deren Persönlichkeit zurückzuführen, statt die Umstände zu berücksichtigen. Aus „Der kann gerade nicht anders“ wird schnell „Der macht das mit Absicht“.

Für die Betroffenen sind die Folgen spürbar. „Der Umgangston auf deutschen Straßen ist in den letzten 30 Jahren aggressiver geworden. Oft zählt nur noch die Ich-Perspektive“, sagt Alborn. Allerdings bemerkt sie auch gegenseitige Rücksichtnahme. „Das Aggressive hat sich nur darübergelegt“, ergänzt sie. Auch Scheib erlebt beides. „Es gibt immer noch Autofahrer, die den Daumen heben oder warten, bis ich rangiert habe. Aber sie werden seltener.“

Wenn Ärger persönlich wird

Nicht jede aggressive Handlung führt zu einer direkten Konfrontation. Es bleibt oft bei Hupen, Gesten oder Gepöbel. Anders zeigt sich diese Entwicklung im öffentlichen Personenverkehr, da es hier den direkten Kundenkontakt gibt. Nach einer Umfrage der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft fühlen sich zwei Drittel der Mitarbeitenden in Bus und Bahn am Arbeitsplatz unsicherer. Dort hat jede zweite Person mittlerweile einen körperlichen Angriff erleben müssen. Beleidigungen und Bedrohungen waren sogar schon 85 Prozent der Befragten ausgesetzt. Das hat Folgen: Knapp ein Drittel der Beschäftigten spielt mittlerweile mit dem Gedanken, den Beruf zu wechseln. Setzten sie diese Ideen um, stünden deutschlandweit Busse und Bahnen still.

Doch auch im Güterverkehr, in der Entsorgung oder bei der Zustellung berichten Beschäftigte von Aggressionen: „Unzufriedene Kunden beleidigen, beschimpfen und werden handgreiflich: Da wird gedroht, gespuckt und geschubst“, berichtet Constanze Duismann. Sie leitet das Deeskalations-Seminar der BG Verkehr mit einem extra hierzu geschulten Trainer. „Es scheint, als wären wir seit der Corona-Pandemie in einer Dauerkrise“, ergänzt sie.

Wer regelmäßig im öffentlichen Verkehrsraum arbeitet, entwickelt oft Strategien, um mit schwierigen Situationen umzugehen. „Verbale Aggressionen, Beleidigungen oder Anschreien sind niemals Teil des Jobs“, sagt Dr. Fritzi Wiessmann, Arbeitspsychologin bei der BG Verkehr. Denn wer verbale Angriffe akzeptiert, riskiert dauerhafte psychische Belastung, Demotivation und gesundheitliche Schäden. Wiessmann fügt hinzu: „Der Arbeitgeber ist gesetzlich verpflichtet, seine Mitarbeitenden zu schützen.“ 

Negative Erlebnisse festigen sich in unserem Gehirn. Es ist darauf programmiert, Gefahren zu umgehen. Eine Fähigkeit, die für unsere Vorfahren überlebenswichtig war. „Auf die Gegenwart übertragen bedeutet dies: Wird eine Bedrohung erkannt, schlägt das Angstzentrum im Gehirn Alarm und verankert das Ereignis im Langzeitgedächtnis“, sagt Wiessmann. Werden Menschen regelmäßig beschimpft, führt das zu Dauerstress. Dies kann zu Herz-, Kreislauf- und Magenbeschwerden führen, Schlafstörungen auslösen oder die Konzentration beeinträchtigen. „Die fortwährende Belastung macht sich auch psychisch bemerkbar: Panikattacken, Angststörungen und depressive Verstimmung sind häufige psychische Erkrankungen bei permanenter Überforderung“, erklärt Wiessmann. Und dies erhöht im Straßenverkehr die Unfallgefahr weiter.

Was Beschäftigte tun können

Unmittelbar nach einer belastenden Situation gibt es verschiedene Strategien, darunter eine Atemübung zur Selbstregulation (weitere ▷ siehe Kasten unten). Niemals aber mit Gegenaggression reagieren. Dies würde die Situation nur verschärfen. Auch Scheib versucht, Konflikte möglichst früh zu entschärfen. „Ich steige manchmal aus und erkläre, warum ein Lkw beim Rangieren mehr Platz braucht. Oft hilft schon ein freundliches Lächeln oder ein Winken.“ Sie gibt aber auch zu: „Manchmal werde ich ebenfalls laut.“ Duismann empfiehlt: „Bleiben Sie ruhig, zeigen Sie Verständnis für den Ärger des Gegenübers und signalisieren Sie, dass Sie das Problem lösen möchten. Damit deeskalieren Sie.“ 

Sollte das nicht helfen, gilt immer: Die eigene Sicherheit hat Vorrang. „Wirkt eine Person bedrohlich, kommt sie Ihnen zu nahe, ist die Situation nicht mehr kommunikativ zu lösen, dann: Gehen Sie! Ihre eigene Gesundheit geht vor“, betont Duismann.

Roter Pfeil zeigt auf wütenden Autofahrer, grüner Pfeil auf entspannt lächelnden Fahrer mit einem meditierenden Gehirn im Hintergrund
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Wichtig ist, dass sich die Beschäftigten im Unternehmen über Ereignisse austauschen, etwa in Form eines innerbetrieblichen Meldesystems. Einerseits können Kolleginnen und Kollegen die Situation viel besser nachvollziehen und verstehen, zum anderen den Betroffenen das Gefühl geben, nicht mit der Situation allein zu sein. „Es geht darum, im Betrieb zu sensibilisieren und Ereignisse ernst zu nehmen. Dann können Maßnahmen abgeleitet werden“, sagt Wiessmann. Dies könnte etwa die Anpassung der Gefährdungsbeurteilung sein. Werden kritische Faktoren entdeckt, muss der Arbeitgeber Schutzmaßnahmen ergreifen. „Dies können Umstrukturierungen von Arbeitsabläufen, Schulungen oder bessere technische Ausstattung sein“, ergänzt Wiessmann. Im besten Fall erkennt das Unternehmen Gefährdungen und Belastungen schon während der Gefährdungsbeurteilung und begegnet ihnen von Beginn an mit geeigneten Schutzmaßnahmen.

Ob Gütertransport, Personenverkehr, Abfallsammlung oder Zustellung: Viele Dienstleistungen wären ohne Arbeiten im öffentlichen Verkehrsraum nicht möglich. Beschäftigte halten dort an, wo andere weiterfahren möchten. Sie sind auf der Straße nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie ihre Arbeit erledigen. Genau deshalb braucht es Verständnis für die Aufgaben anderer Verkehrsteilnehmender. Dieses Verständnis müsse schon in der Fahrausbildung beginnen, findet Scheib. Wer einmal selbst in einem großen Fahrzeug mitgefahren sei, verstehe schnell, warum Lkw-Fahrende beim Rangieren mehr Platz benötigen oder nicht so schnell beschleunigen können. „Viele Konflikte würden gar nicht entstehen, wenn man die Perspektive des anderen kennen würde.“ 

Dr. Marc Sgonina
Redaktion SicherheitsProfi