Porträt von Gabriele Kamradt
© Gabriele Kamradt

Zum Gesprächstermin holt mich Gabriele Kamradt am Haupteingang der Hamburger Lufthansa-Basis ab. Gemeinsam gehen wir durch gepflegte Grünanlagen und alten Baumbestand zu ihrem Büro. Unzählige Kilometer hat Frau Kamradt in 39 Jahren hier zwischen Flugzeughallen und Werkstätten zu Fuß zurückgelegt. Sie schwärmt von der Aufenthaltsqualität und es wird schnell klar: Hier ist jemand davon überzeugt, dass ein Arbeitsplatz für die Menschen auf allen Ebenen passen muss – bis hin zur richtigen Pausenumgebung.

Frau Kamradt, was war Ihre Motivation, im Arbeitsschutz zu arbeiten?

Gabriele Kamradt: Ich mag die Menschen und ich mag das Leben. Deshalb hatte schon mein Ingenieurstudium die Fachrichtung Umwelttechnik. Ich habe dann festgestellt, dass ich im Arbeitsschutz schneller etwas verbessern kann als zum Beispiel im Umweltschutz. Ich wollte immer, dass die Menschen, die morgens gesund zur Arbeit gehen, abends genauso gesund wieder nach Hause kommen. Und das auch nach 20, 30 oder 40 Jahren. Das ist eine Grundmotivation, die man haben sollte.

Welche Eigenschaften sind für Ihre Arbeit besonders wichtig gewesen?

Kamradt: Wir müssen miteinander reden. Ich bin so dankbar für das Fachwissen meiner Kollegen und greife gern darauf zurück. Genauso gern helfe ich anderen mit meinem Wissen – mein Steckenpferd ist etwa die Chemie.

Es geht also um Kommunikation?

Kamradt: Ja, auf allen Ebenen. Fachwissen ist natürlich wichtig. Aber ich muss es vermitteln können. Wenn ich zum Beispiel in den Werkstätten oder Lackierhallen war, dann wollte ich, dass der Mitarbeiter vor Ort meine Anliegen nachvollziehen kann. Das Wort „hemdsärmelig“ ist an dieser Stelle für mich prägend. Immer unter der Vorgabe: Wer es verstanden hat, setzt es eher um, als wenn man immer nur denkt: „Puh, ich muss das.“

Sind Sie da schon mal an Ihre Grenzen gestoßen?

Kamradt: (lacht) Also, es ist nicht immer leicht. Die Schwierigkeit in meinem Job: Arbeitsschutz ist präventiv. Wenn wir die Arbeit gut machen, dann passiert nichts. Manche könnten dann denken, „es ist noch nie was passiert“, und werden möglicherweise nachlässig. Ich versuche deshalb auch, auf der Meister-, Vorarbeiter- oder Teamleiterebene zu motivieren. Denn die sind viel näher an den Prozessen und können das anders an ihre Leute weitergeben als ich „von außen“. Ich kann Hinweise geben, aber ich kann nicht sagen: „Gib her, ich weiß, wie es besser geht.“ Ich brauche Verständnis: Mein Gegenüber hat seine Vorgaben und Zeitfenster, in denen etwas fertig sein muss. Das ganze Gefüge kann ich nicht immer überblicken. Da geht es auch viel um den Respekt vor der Arbeit des anderen.

Was hilft dabei?

Kamradt: Also erstens nie etwas persönlich nehmen und zweitens schauen: Was kann ich an zusätzlichen Argumenten liefern, um mein Ziel zu erreichen. Ich muss über den Tellerrand schauen und Netzwerke bilden. Wie machen andere Unternehmen das, wo bekomme ich Informationen her? An die Aufsichtspersonen der BG Verkehr konnte ich mich zum Beispiel immer wenden. Dann kann ich am Ende mit Wissen und Fakten überzeugen. 

Wurden Sie schon mal positiv überrascht? 

Kamradt: Klar! Manchmal kommen Nachfragen, bei denen ich merke: Das war eine super Idee, über die ich so nie nachgedacht habe. Ich verfolge das dann und gebe eine Rückmeldung.

Foto von Gabriele Kamradt bei der Arbeit
© Gabriele Kamradt
Seit 39 Jahren bei der Lufthansa Technik: Zuletzt war Gabriele Kamradt verantwortlich für Schadstoffmessungen an Arbeitsplätzen, persönliche Schutzausrüstung sowie für die Arbeitssicherheit in den Auszubildenden-Werkstätten.

Gab es denn den Fall, dass jemand später zu Ihnen gesagt hat: „Da hatten Sie recht!“?

Kamradt: Früher haben wir Teile von Flugzeugen in Zelten auf Gerüsten lackiert. Dabei kamen Trittstufen zum Einsatz. Das war zu der Zeit, als man mit Vollmaske gearbeitet hat. Ich habe dann auf den zu großen Stufenabstand hingewiesen. Gerade mit eingeschränkter Sicht stürzt man darauf leicht. Da war ich erst mal der „Sicherheitsfuzzi“. (lacht) Aber einen Tag später ist der Kollege zu mir gekommen und hat gesagt: „Jetzt weiß ich, was du gemeint hast.“ Er war beinahe gestürzt!

Was hat sich im Arbeitsschutz verbessert?

Kamradt: Ganz klar die PSA! Beim Atemschutz gab es früher nur Voll- und Halbmasken oder Staubmasken. Was es heute an gebläsefiltrierenden Hauben und Helmen gibt, ist wirklich richtig gut. Oder Chemikalienschutzhandschuhe: Da bin ich stolz, dass wir die Entwicklung im engen Austausch mit unseren Lieferanten und Herstellern ein Stück weit mit vorangetrieben haben, indem wir unsere Anforderungen aus der Praxis eingebracht haben. Aber auch die Sensibilität der Mitarbeitenden, wie sie mit ihrem Körper und mit ihren Arbeitsmitteln umgehen sollten, hat sich deutlich verbessert. Trotzdem: Man muss immer am Ball bleiben und die Leute wirklich wachrütteln.

Was sehen Sie kritisch?

Kamradt: Gefühlt haben alle viel weniger Zeit, zum Beispiel bei der Einarbeitung in neue Themen und Arbeitsbereiche. Klar nimmt uns die Technik eine ganze Menge Arbeit ab, aber nicht unser Fachwissen und unsere Denkfähigkeit. Wir sollten nie aufhören, die Dinge kritisch zu hinterfragen und uns gegenseitig auszutauschen. Ich greife zum Telefon oder gehe direkt hin. Dann kann ich mir die Situation oder das Problem anschauen und bekomme gleich noch etwas anderes mit. Das hätte ich mit einer E-Mail nicht geschafft.

Ich erinnere mich an einen Kollegen, der sehr unzufrieden war mit allem. Vor Ort konnten wir ganz anders sprechen: Ich konnte auf die Situation eingehen und den richtigen Ton treffen. Stellen Sie sich vor, ich hätte von ihm nur eine unzufriedene E-Mail bekommen. Ich wollte in meinem Job immer vermitteln: „Ich hör dir zu, ich bin bei dir und ich verstehe, was du meinst.“ Ich glaube, das macht so auch die Welt ein Stück besser. 

Nostalgisches Foto der jungen Gabriele Kamradt bei der Untersuchung eines Flugzeugs
© Gabriele Kamradt
Gabriele Kamradt in ihren Anfangsjahren bei der Lufthansa Technik

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in einer Arbeitswelt gemacht, in der hauptsächlich Männer arbeiten?

Kamradt: Der Frauenanteil ist heute schon viel höher als vor einigen Jahren. Trotzdem bin ich immer noch eher eine Ausnahme. Vor allem zu Beginn wurde meine Fachkompetenz teilweise infrage gestellt. Ich glaube so offensichtlich, wie ich es manchmal erlebt habe, wurden Männer nicht infrage gestellt. Aber ich habe immer ein gutes Selbstbewusstsein gehabt: Ich bin gut ausgebildet worden und mache meine Arbeit gut. Einmal – das ist schon sehr lang her – hat mich ein Mitarbeiter angesprochen, ob ich denn wüsste, was ich da mache. Ich habe dann den Dialog gesucht und am Ende sind beide Seiten sehr positiv herausgegangen. Einfach weil wir drüber gesprochen haben. Man muss sich von so etwas nicht ins Bockshorn jagen lassen.

Was würden Sie jüngeren Kolleginnen und Kollegen empfehlen?

Kamradt: Habt Spaß an der Arbeit! Wir verbringen einen großen Teil unserer Lebenszeit am Arbeitsplatz, da ist mir das einfach wichtig. Und: Übernehmt Verantwortung, sprecht an, wenn etwas nicht gut läuft. Auch wenn das nicht alles ändern kann, aber allein, dass man Dinge anspricht, bewirkt schon viel.

Gespräch:
Moritz Heitmann
Redaktion SicherheitsProfi