Christian Ehrlich drückt den daumengroßen Schalter: kleiner Knopf mit großer Wirkung. Vorhang auf, heißt es im Hangar von easyJet auf dem Flughafen Berlin Brandenburg. Gemächlich öffnet sich der Schlund zur großen Halle – draußen wartet ein Airbus A320 darauf, verschlungen zu werden. Wie ein gigantisches Rollo rafft sich das dreiteilige Tor nach oben. Zwei Führungs- und Stützschienen klappen hoch – und schon kann das Flugzeug einfahren.
Christian Ehrlich ist als Basemanager hier der Chef und stolz auf das Tor, stolz auf seinen Hangar mit moderner Technik. Die Halle ist erst seit Januar 2023 in Betrieb. Besonders häufig bauen große Fluggesellschaften neue Hangars nicht. Für easyJet ist es der bislang einzige außerhalb von Großbritannien.
„Nur noch eine gut unterwiesene Person ist für das Öffnen und Schließen notwendig. Das senkt das Unfallrisiko“, erklärt Christian Ehrlich. Die Nachbarn in den Hangars links und rechts von easyJet nutzen noch tonnenschwere, mehrteilige Schiebetore. Nur mithilfe von Einweisungspersonal dürfen sie zur Seite gefahren werden. Ein Unfallrisiko durch Einklemmen bleibt aber. „Diese schweren Schiebetore können nach dem elektrischen Abschalten noch 20 bis 30 Zentimeter nachlaufen“, erklärt Stephan Elfert, Regionalleiter Prävention Berlin bei der BG Verkehr. Der Sicherheitsexperte kennt die Gefahr: Im Dezember 2022 war ein Mitarbeiter an einem großen deutschen Verkehrsflughafen von solch einem Hangartor eingeklemmt worden und ums Leben gekommen. Solch ein Unfall ist bei easyJet ausgeschlossen. Denn die gut 50 Meter breiten Hubtore aus speziellem Hightech-Gewebe falten sich nach oben. An der Unterkante verhindern Sensoren ein Einklemmen während des Absenkens: Falls sich ein Hindernis zwischen Boden und Unterkante befindet, stoppt der Antrieb ohne Nachlauf. Zudem ist das Tor aus sehr leichtem Material: Nur rund ein Kilogramm pro Quadratmeter wiegt das robuste PVC-Gewebe mit integriertem Wärme- und Lärmschutz. Die Konstruktion hält laut Hersteller trotzdem Windlasten in Orkanstärke von bis zu 150 Stundenkilometern stand. Die Firma aus Finnland ist weltweit Marktführer bei dieser Technologie. Das Hangartor ist also eine technische Raffinesse und ein deutlicher Zugewinn an Arbeitssicherheit.
„Nur noch ein Mitarbeiter steuert das Tor. Das senkt das Unfallrisiko deutlich.“
Christian Ehrlich, Basemanager Berlin bei easyJet
Arbeitsschutz ist ein Prozess
Das Tor ist bei easyJet nicht die einzige Investition in Unfallverhütung und Vorsorge. „Denn ohne unsere hoch qualifizierten Technikerinnen und Techniker steht hier alles still“, sagt Christian Ehrlich. Deswegen ist Arbeits- und Gesundheitsschutz für den 10.000 Quadratmeter großen Hangar von Anfang an mitgedacht worden. Und dieser Prozess ist nicht beendet. Christian Ehrlich deutet auf grüne und gelbe Streifen, die den blitzsauberen Hallenboden durchziehen. „Die sind vorerst noch aufgeklebt. Wir sammeln erst mal Erfahrungen, wie die Einteilung optimal ist.“ Innerhalb der grünen Abstellflächen dürfen Material, Werkzeug und Geräte deponiert werden. Die gelben Verkehrswege müssen stets frei gehalten werden. Auch nach einem Jahr bemerkt das easyJet-Team noch, dass nicht alle Markierungen zu Arbeitsabläufen passen. So ragen etwa die Flügel der abgestellten Airbusse in Verkehrswege hinein. „Solche Unzulänglichkeiten sammeln und korrigieren wir, bevor die Markierungen mit Farbe endgültig aufgetragen werden.“
„Schwere Schiebetore können nach dem elektrischen Abschalten noch 20 bis 30 Zentimeter nachlaufen.“
Stephan Elfert, Leiter Regionalabteilung Prävention Berlin bei der BG Verkehr
Werkzeugkiste mit Gedächtnis
„Hallo Chef“, grüßt Juri Schenkel im Vorübergehen. Der junge Techniker holt sich einen Schraubschlüssel aus einer „sprechenden“ Werkzeugkiste. Das darf nicht jeder. Der Mechaniker loggt sich mit Personalkarte ein. Erst dann gibt die Kiste die Schublade frei. Die Elektronik merkt sich jede einzelne
Entnahme automatisch. Ab jetzt ist Juri Schenkel dem Werkzeugkoffer einen Steckschlüssel
Größe 7/16 schuldig. „Wir Menschen bleiben eine Fehlerquelle“, sagt Christian Ehrlich. „Ein vergessenes Werkzeug im Flugzeug wäre ein Albtraum.“ Solche technischen Lösungen helfen, Risiken zu minimieren. Zudem sensibilisiert Basemanager Ehrlich sein Team zur Einhaltung von Arbeitsschutzvorgaben und zur proaktiven Wahrnehmung von Fehlerquellen. „Den Safety-Gedanken ganzheitlich leben“, nennt er das.
Ungewöhnlich voll
Vier Flugzeuge finden in dem Hangar Platz. Heute ist die Halle voll – ungewöhnlich für einen Nachmittag. Normalerweise werden Maschinen erst in der Nacht bis zum frühen Morgen gewartet. Aber derzeit steht ein technisches Upgrade an. Zusätzliche Computer verbessern die Systeme im Airbus. Juri Schenkel kauert konzentriert in einem engen Hohlraum – Hunderte säuberlich geordneter Kabelbahnen vor sich. Jetzt kommen ein paar neue hinzu. Juri Schenkel ist seit 2017 bei easyJet an Bord. „Bislang ohne Unfall – toi, toi, toi“, erzählt er und klopft mit den Fingerknöcheln auf seine schicke Baseballkappe. Die antwortet mit dumpfem Ton. Denn die Kappe ist tatsächlich ein Kopfschutz, ein „Bump Cap“: Die Hartschalen-Einlage schützt Schenkels Kopf vor leichten Stößen. Angesichts der Enge im Flugzeuginneren absolut sinnvoll. Aber auch beim Unterschreiten von Rumpf und Tragflächen schützt die Kappe – spitze Kanten und Antennen stehen an vielen Stellen über. Große Tafeln mit Piktogrammen erinnern überall im Hangar die Beschäftigten daran, den Arbeits- und Gesundheitsschutz zu beachten.
„Wir Menschen bleiben eine Fehlerquelle.“
Christian Ehrlich, Basemanager Berlin bei easyJet
Vorsorge für den Fall der Fälle
Und falls sich doch einmal ein Unfall ereignet, hat easyJet vorgesorgt. Drei kombinierte
Körper- und Augenduschen in der Halle sind für die Mitarbeitenden schnell erreichbar, wenn sie mit Betriebs- oder Gefahrstoffen in Kontakt kommen. Berührungsfreie Waschbecken sorgen für kontaktlose Hygiene. Und gleich im Übergang zu den Personalräumen ist der innerbetriebliche Erste-Hilfe-Bereich übersichtlich zugänglich. „Mit diesen und vielen anderen Vorkehrungen schaffen wir eine gute Basis“, sagt Christian Ehrlich. Zum erfolgreichen Arbeitsschutz gehöre aber vor allem, offen und konstruktiv mit Fehlern umzugehen. Flexibilität und Eigenverantwortung spielen dabei für easyJet eine zentrale Rolle. Alle rund 100 Beschäftigten im hoch qualifizierten Wartungsteam sind mit Notebooks ausgestattet, sodass sie überall kommunizieren können. An Stehschreibtischen direkt in der Halle können Dokumentationen und Meldungen sofort erledigt werden.
Mobiler Kran für schwere Lasten
Nicht nur das Betriebsklima stimmt im Hangar – auch Bodenheizung und die optimal eingestellte LED-Beleuchtung sorgen für ein gutes und sicheres Arbeitsumfeld. Hohe Investitionen hat easyJet getätigt. BG-Sicherheitsexperte Stephan Elfert zeigt begeistert auf ein echtes Schwergewicht: „Ein ideales Arbeitsgerät.“ An einem mobilen Kran baumelt ein großes Ersatzteil für die Tragfläche. Schwere Bauteile können damit mühelos und rückenschonender bewegt werden. Sicherer auch noch: „Hubwagen und Flurförderzeuge bergen mehr Unfallrisiken“, sagt Stephan Elfert.
Trillerpfeifen statt Tröten
Manchmal reichen aber auch ein paar Euro und eine pfiffige Idee. So wie die Trillerpfeifen, die Christian Ehrlich für sein Team angeschafft hat: Vier Personen sind für das Ein- und Ausweisen eines Flugzeugs notwendig. Im Ernstfall können sie nun schnell mit schrillen Tönen vor Gefahren warnen. Vorher wurden dafür schwere und unhandliche Tröten eingesetzt. „Denen oft der Saft ausgegangen war“, schildert Basemanager Ehrlich.
Ein Mitarbeiter drückt im Hintergrund den daumengroßen Knopf. Sanft fahren die Hangartore hinter dem eingefahrenen Airbus herunter. Die Techniker stöpseln die Maschine mit armdicken Kabeln an die Steckdosen im Boden an und machen sich an die Arbeit.
Klaus Bartels
Redaktion contenova